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Alexander von Humboldt: „[Neue Entdeckung]“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1797-xxx_Neue_Entdeckung-1> [abgerufen am 25.09.2022].

URL und Versionierung
Permalink:
https://humboldt.unibe.ch/text/1797-xxx_Neue_Entdeckung-1
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Titel [Neue Entdeckung]
Jahr 1797
Ort Jena; Leipzig
Nachweis
in: Intelligenzblatt der Allgemeinen Literatur-Zeitung 68 (27. Mai 1797), Sp. 564–568. [Teilweise in: „Sammlung einiger Aktenstücke, die vom Herrn Ober-Bergrath von Humboldt entdeckte polarisirende Gebirgsart betreffend“, in: Neues Bergmännisches Journal 1:5/6 (1797), S. 542–561, hier S. 553–559, vgl. 60.2.]
Sprache Deutsch
Schriftart Antiqua
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: I.62
Dateiname: 1797-xxx_Neue_Entdeckung-1
Statistiken
Seitenanzahl: 3
Spaltenanzahl: 5
Zeichenanzahl: 7241
Bilddigitalisate

|Seitenumbruch| |564| Mit vorzüglicher Freude erſehe ich aus dem Intelli-genzblatt der A. L. Z. n. 59, daß meine Entdeckung einesgroßen Magnetberges im mittleren Deutſchland den Herrn von Charpentier zu intereſſanten Verſuchen über denMagnetismus veranlaßt hat. Die Frage, ob das neuepolariſirende Foſſil Serpentinſtein oder Hornblendſchieferſey, habe ich bereits in meiner zweyten Anzeige (Int. |Seitenumbruch| |565| Blatt n. 38. S. 323.) berührt. Es heißt dort ausdrücklich:„der magnetiſche Gebirgsrücken gehört zu der Serpentin-„ſteinformazion. Er enthält ſehr verſchiedene Lagen von„reinem lauchgrünen, an der Oberfläche verwitterten„Serpentinſtein, von Chloritſchiefer, Hornblendſchiefer,„und Mittelgattungen die an Syenitſchiefer und Topfſtein„grenzen — Foſſilien deren Zuſammenbrechen dem practi-„ſchen Geognoſten nicht auffallend ſeyn kann.“ Ver-muthlich war aber Herrn von Charpentier, als er ſeineAnzeige abfaßte, die meinige noch nicht zu Geſicht ge-kommen und jenes kleine Mißverſtändniß iſt alſo vonſelbſt gehoben. Allerdings hätte ich in den Nachrichten,welche ich in den erſten Tagen nach der Entdeckungbekannt machte, die oryktognoſtiſchen Verhältniſſe ge-nauer beſtimmen ſollen; aber ich hielt es für wichtiger,den Magnethügel, mit ſeinen invertirten Polen, mit ſei-nen parallellen Magnetaxen, mit ſeinem ſich 22 Fuß weiterſtreckenden Wirkungsreife, als ein großes geologiſchesPhaenomen zu ſchildern. — Wenn jener vortrefflicheMineraloge Stücke meines Foſſils fand, welche keinePolarität zeigten (die Stücke wurden doch an der Nadeleiner Bouſſole, od. mittelſt Kork auf dem Waſſer ſchwim-mend unterſucht?) ſo ſcheint mir daraus zu folgen, daß,wie im ganzen Gebirge, ſo auch im kleinen wirkſameu. unwirkſame Maſſen gemengt ſind. Durch ſorgfältigeVergleichungen habe ich zwiſchen beiden, wie zwiſchenden mehr od. minder wirkſamen, noch keine Verſchie-denheit der Miſchung finden können. Im Ganzen ſind,nach Nicholſon’s Wage, die ſpecifiſch leichteren Stückedie wirkſamſten. Wenn man ausdrücklich ſolche aus-wählt, in denen Magneteiſen eingeſprengt iſt, und die-ſelben, jedoch nicht allzufein zerpülvert, ſo zieht einſchwacher Magnet, nicht etwa bloß die ſchwarzen Magnet-Eiſen-Körner, ſondern auch jedes andere Stäubchen an. Splitterchen von \( \frac{1}{2} \) Linie Länge und \( \frac{1}{16} \) Lin. Breite, wel-che unter dem Hofmanniſchen Mikroſkope (bey 312400maliger Flächenvergröſſerung) als vollkommen durchſchei-nende graulichweiſſe Schuppen erſcheinen, in denen alſovon Magneteiſen nichts ſinnlich wahrgenommen werdenkann, zeigen deutliche Polarität, da ſie dem genähertenN. Pol eines Magnetstabes das eine, dem S. Pol das an-dere Ende zukehren. Dieſe Thatſache iſt mir von vielenPhyſikern, die meine Verſuche wiederholten, beſtätigtworden. Ich kann mich deshalb noch beſonders auf dasZeugniß der Herren Hofräthe Lichtenberg und Blumen-bach zu Göttingen, auch des Herrn Prof. Voigt zu Jena berufen, welcher letztere rühmlichſt bemüht iſt, die Stär-ke jener magnetiſchen Ziehkraft mathematiſch zu beſtim-men. — Da gegenwärtig das Intereſſe der Naturforſcherfür den Magnetismus von neuem rege geworden iſt, derAusdruck: magnetiſche Eigenſchaft aber ſo oft mißver-ſtanden wird, ſo nütze ich dieſe Gelegenheit, um auffolgenden Unterſchied der Erſcheinungen aufmerkſam zumachen. Es giebt 1) Stoffe welche den N. und S. Pol ei-ner Magnetnadel gleich ſtark anziehen, alſo die Bouſſolebeunruhigen, ohne ſelbſt Polarität zu zeigen und ohne Ei-ſen anzuziehen. Dahin gehören (wie ein ſcharfſinnigerMineraloge, Herr von Schlottheim mir bereits am 6tenJan. meldete) grüne Erde von Monte Baldo; dichter Feld-ſpath von Roßwein, Serpentin u. Talkerde (auf Amianth) |566| von Koſemütz, Bol von Strigau und die von Herrn Freies-leben beſchriebene, räthſelhafte Gebirgsart, in welcherder Harzer Schillerſpath liegt. Dahin gehören viele Ab-änderungen der Jade, des Pechſteins und des Granitsvom Drachenfels bey Bonn, dahin gehören die Gebirgs-arten, welche Herr von Charpentier aufführt. In mehre-ren dieſer Foſſilien (im gepülverten Serpentin von Zobliz und im Pechſtein) habe ich durch den Magnet beträcht-lich viel Magneteiſen entdeckt. Doch entſcheide ich nicht,ob gerade dies jenes Beunruhigen der Bouſſole hervor-bringt, da ſchwach oxydirtes Eiſen ebenfalls auf dieſelbewirkt und Brugmanns ſelbſt ungefärbte waſſerhelle Demante,angebrannten Kork u. Kirſchkerne vom Magnet gezogen ſah.(Dem Demant konnte ſogar auf eine Zeitlang eine eigenePolarität künſtlich mitgetheilt werden.) 2) Stoffe, welchedie Bouſſole beunruhigen, keine Polarität zeigen, aber Ei-ſen anziehen. Dahin gehören einige Abänderungen vonſchwach wirkendem, aber ſehr reinem Magneteiſenſteinaus Schweden. 3) Stoffe welche Polarität zeigen und Ei-ſen anziehen. Magneteiſen. Kobalt. 4) Stoffe welcheeine ſtarke Polarität zeigen, aber kein Eiſen anziehen. Dieſe Eigenſchaft zeigen am auffallendſten mein pola-riſirendes Foſſil, in ungleich minderem Grade (in Hin-ſicht auf Ausdehnung des Wirkungskreiſes und Erhal-tung der Polarität bey mechaniſcher Zerkleinung) der Fichtelſche Serpentin von Paß Vulkan, von dem ichmehrere Stücke unterſucht, der Ingermanländiſche Labra-dor nach Brugmanns, der Topfſtein vom Wallis nachHerrn v. Schlottheim, und einige abgeſchlagene Stückevom Granit der Harzer Schnarcher und Feuerſteinklippe nach Herrn Blumenbach. — Wenn man eingeſprengtesMagneteiſen für die Urſache der Polarität in dem neuenmagnetiſchen Hornblendegeſtein hält, ſo muß man, beydem geringen ſpecifiſchen Gewichte, nach logiſchen Re-geln annehmen, daß in dem Foſſile eine überaus geringeMaſſe mit einer überaus großen Kraft und zwar mit ei-ner Kraft enthalten ſey, welche von der des uns bisherbekannten Magneteiſens verſchieden iſt. Wahrſcheinlichermöchte demnach (falls man es für unmöglich hält, daß die magnetiſche Kraft an nicht-eiſenhaltige, wie die electriſche an nicht-bernſteinhaltige Stoffe gebunden ſeyn kann) wahr-ſcheinlicher möchte jene Polariſirende Eigenſchaft in dem oxydirten Eiſen zu ſuchen ſeyn, womit das neue Foſſiltingirt iſt. Wir ſehen, daß wenn die Theile einer Ei-ſenſtange erſchüttert werden, der ewig geladene magneti-ſche Erdball im Stande iſt, ſeine Kraft in die Eiſenſtan-ge überzutragen. Wie wenn jener große Magnetbergſeine polariſirende Eigenſchaft einer Erderſchütterung ver-dankte? Dieſe Vermuthung, welche einer unſerer er-ſten Phyſiker geäuſſert, gewinnt noch dadurch an Wahr-ſcheinlichkeit, daß Erdſtöße am Fichtelgebirge gar nichtſo überaus ſelten u. ungewöhnlich ſind. Wurden nichtalle Theile der Gebirgsmaſſe gleichſtark erſchüttert, ſomußte die Kraft ſich ungleich mittheilen. Kein Wunderdaher, daß Stücke unwirkſam blieben, die mit den wirk-ſamen gleiche Beſtandtheile haben. — Mögen dochmehrere Phyſiker und Geognoſten ſich mit mir verei-nigen, die magnetiſchen Erſcheinungen, wie die electri-ſchen, im Großen und zwar in der freyen Natur zu beobachten. Wie wichtige Entdeckungen laſſen |Seitenumbruch| |567| ſich auf dem Wege nicht, beſonders im nördlichen Europa über die Magnetaxen einzelner Gebirge undüber die Unabhängigkeit ganzer Bergketten von |568| dem allgemeinen Magnetismus des Erdſphäroids er-warten!

Fr. A. v. Humboldt.