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https://humboldt.unibe.ch/text/1797-xxx_Erklaerung-1
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Titel [Erklärung]
Jahr 1797
Ort Jena; Leipzig
Nachweis
in: Intelligenzblatt der Allgemeinen Literatur-Zeitung 38 (29. März 1797), Sp. 323–326.
Sprache Deutsch
Schriftart Antiqua
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: I.60
Dateiname: 1797-xxx_Erklaerung-1
Statistiken
Seitenanzahl: 2
Spaltenanzahl: 4
Zeichenanzahl: 7187
Bilddigitalisate

Weitere Fassungen
[Erklärung] (Jena; Leipzig, 1797, Deutsch)
Sammlung einiger Aktenstücke, die vom Herrn Ober-Bergrath von Humboldt entdeckte polarisirende Gebirgsart betreffend (Freiberg, 1797, Deutsch)
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Erklärung.

In dem 169. Stück des Intelligenzblatts der A. L. Z.1796. habe ich eine vorläufige Nachricht von dem großenMagnetberge, den ich im verfloſſenen Herbſte im mittle-ren Deutſchlande entdeckt, bekannt gemacht. Die Leb-haftigkeit, mit welcher vaterländiſche Naturforſcher ſichſeitdem mit dieſer und anderen verwandten Erſcheinun-gen beſchäftigt haben, beweiſet, wie fehr der Geiſt derNachforſchung unter uns rege iſt. Wichtigere chemiſcheund phyſiologiſche Arbeiten, die ich unabläßig zu ver-vollkommen ſtrebe, hindern mich, jenem geologiſchenPhänomene eine größere Muße zu widmen. Doch halteich es für meine Pflicht in einer Sache, wo apodictiſcheEntſcheidung unmöglich iſt, und wo der wahre Geſichts-punkt daher um ſo leichter verrückt werden kann, eini-ge Fragen, welche achtungswerthe Männer an mich ge-than, hiermit öffentlich zu beantworten. 1. Iſt das Foſſil,welchem jene auffallende, bis zu den kleinſten Atomenſichtbare Polarität adhärirt, wirklicher Serpentinſtein?Der magnetiſche Gebirgsrücken gehört zu der Serpentin-ſteinformazion. Er enthält ſehr verſchiedene Lager von |324| reinem lauchgrünen, an der Oberfläche verwittertem Serpentinſtein, von Chloritſchiefer, Hornblendſchiefer, undMittelgattungen, die an Syenitſchiefer und Topfſtein grenzen. Geognoſten, welche die Gebirge in der freyenNatur beobachtet haben, werden ſich über das Zuſam-menſeyn (Zuſammenbrechen) dieſer Foſſilien nicht wun-dern. Auch ſind die oryktognoſtiſchen Unterſchiede hier ganz gleichgültig, da es eine Thatſache iſt, daß ſichvon zwey Stücken, welche neben einander brechen, undin denen ſowohl durch die Lupe, als nach kleinen che-miſchen Verſuchen kein Unterſchied der Miſchung zubemerken iſt, das eine wirkſam, das andere unwirkſambezeigt. Dagegen üben oft zwey andere ganz heterogeneStücke, von denen das eine reiner Serpentinſtein, dasandere wahres Hornblendegeſtein iſt, eine gleich ſtarke magnetiſche Kraft aus. Hieraus folgt von ſelbſt, daß ſonothwendig die chemiſche Unterſuchung jener Gebirgs-art auf reguliniſches, nicht oxydirtes Eiſen iſt, ſo frucht-los jede Bemühung einer völligen Zerlegung ſeyn wird.Jede Felskuppe jenes Magnetberges würde andere Reſul-tate geben. 2. Hat das Foſſil oder vielmehr haben die Ge-birgsarten aus welchen der Magnetberg beſteht, einenbeträchtlichen Eiſengehalt?Bey der großen Verſchie-denheit der Miſchung iſt dieſe Frage weder zu bejahen,noch zu verneinen. Sollten auch Stücke entdeckt wer-den, die 40-60 p. C. Eiſen enthielten, ſo könnte dieſeEntdeckung doch nur wenig Aufklärung geben, da meh-rere überaus wirkſame Stücke, die ich auf Nicholſon’s Wage gewogen, kaum ein ſpez. Gewicht von 1,91.(Waſſer = 1) haben. Ein großer Chemiſt, deſſen An-ſehen beſonders in der analytiſchen Chemie allgemeinanerkannt iſt, meldet mir, daß er wirkſame Stücke, indenen die Lupe nichts metalliſches zeigte, unterſuchtund, wie ich, nur höchſt oxydirtes Eiſen gefunden habe.Hiedurch wird demnach beſtätigt; was ich vor fünf Mo-naten, wenige Tage nach der erſten Entdeckung äuſſer-te; daß man ſich die magnetiſche Kraft entweder dem vollkommenen Eiſenkalche, womit das Foſſil tingirt iſt, oder den erdigten Stoffen adhärirend denken müſſe. Der Um-ſtand, daß man bisher nur reguliniſches oder höchſtſchwach oxydirtes Eiſen magnetiſch befunden hat, unddie Erfahrung, daß die Wirkſamkeit der Stücke oftim umgekehrtem Verhältniß zu ihrem Gewichte ſteht,ſpricht ſogar für den letzteren Satz jener Alternative.3. Iſt fein eingeſprengter Magnet-Eiſenſtein die Urſachejener magnetiſchen Polarität? — Unter den vielen Stük-ken, welche ſeit den letzten Monaten zerſchlagen undunterſucht worden ſind, haben ſich allerdings einige ge-zeigt, in denen Talk, Glimmer, gemeine Hornblende,dichter Feldſpath, Schwefelkies und ſelbſt Magnet-Ei-ſenſtein eingeſprengt iſt. Herr Oberbergrath Karſten äußert ſich hierüber in einem Briefe an mich auf eineArt, welche den Geſichtspunkt der Streitfrage ſehr rich-tig beſtimmt: „Ich ſehe mit bloßen Augen hier und da„ſehr fein eingeſprengten Magnet-Eiſenſtein, andere„ſehen ihn wenigſtens mit dem Mikroſcop. Ich halte„dieſen Magnet-Eiſenſtein aber für ganz zufällig und„ſchlechterdings für unzuſammenhängend mit dem Haupt-„phänomen des Gebirgsrückens. Ich glaube, daß er„wenig oder gar keinen Einfluß auf die phyſikaliſchen |Seitenumbruch| |325| „Eigenſchaften der einzelnen Stücke hat, denn ſein quan-„titatives Verhältniß iſt ſehr unbedeutend und ich habe,„wie Sie, geſehen, daß jedes Stäubchen des erdigten „zerriebenen Pulvers des Foſſils ohne alle Schwierigkeit„vom Magnet gezogen wird. Wie kann man nun glau-„ben, daß der ſparſam eingeſprengte Magnet-Eiſenſtein(der in ſo vielen Stücken ohnedies ganz fehlt) „die Ur-„ſach jener intereſſanten Erſcheinung ſeyn ſollte?” —Wie aber, wenn außer dieſem hier und da ſichtbarenMagnet-Eiſenſtein ein anderer unſichtbarer ſo fein indem Foſſile zertheilt wäre, daß er ſich in jedem zerpul-verten Stäubchen gleich gegenwärtig und wirkſam zeig-te? Wer die Möglichkeit dieſer Annahme mit der Er-fahrung von dem geringen ſpec. Gewichte der wirkſam-ſten Stücke und mit den chem. Erfahrungen, welche nurhöchſt oxydirtes Eiſen verkündigen, zuſammenreimenkann, der freilich iſt für mich unwiderleglich! 4. Be-ſitzt nicht aller Serpentinſtein in einem ſchwächeren Gradeeinige magnetiſche Kraft? — Nicht nur einige Serpen-tine, ſondern einige Abänderungen von Jade, Pechſteinund Feldſpath beunruhigen die Magnetnadel, da hinge-gen vieler faſrigter brauner Eiſenſtein ſie nicht afficirt.Die Urſach dieſes Phänomens verdient die genaueſtePrüfung. Einer meiner mineralogiſchen Freunde, Herr von Schlottheim, hat hierüber eine ſchöne Experimental-unterſuchung angefangen. Eigenthümliche Polarität habeich bisher in jenen Foſſilen noch gar nicht gefunden, |326| doch halte ich das Daſeyn dieſer Eigenſchaft für ſehrwahrſcheinlich. Dagegen habe ich Gelegenheit gehabt,in Deutſchland und Italien ſehr viele, weit verbreiteteLager von Serpentinſtein und anderen dieſer Formationuntergeordneten Gebirgsarten zu beobachten, welche dieBouſſole gar nicht afficirten. Gäbe es Condenſatoren undDuplicatoren des Magnetismus, wie man ſie für dieElectricität hat, ſo zweifle ich nicht, daß auch jene Ge-birgsarten einige Einwirkung geäußert hatten. Aberwelch ein Unterſchied zwiſchen einer ſolchen Kraftsäuße-rung und der eines Hügels, welcher in 22 Fuß Entfer-nung den Pol der Magnetnadel invertirt —? 5. Iſt dervon dem verewigten Fichtel beſchriebene Magnet-Serpen-tin von Paß Vulkan mit dem von mir beſchriebenen iden-tiſch? Nach Fichtels eigener Ausſage ſind beide bis jetztvon einander zu unterſcheiden, da jener allemal Magnet-Eiſenſtein in Körnern eingeſprengt enthält. Neue Unter-ſuchungen werden indeß lehren, ob jene Siebenbürgi-ſchen Felsmaſſen nicht auch beſtimmte Magnetaxen ha-ben, ob dieſe Axen nicht unter ſich parallel ſind odereinen beſtimmten Winkel mit der Magnetaxe des Erd-ſphäroids halten? Kein Phänomen ſteht einzeln in derNatur da, und die ſchönſte Frucht phyſikaliſcher Ent-deckungen iſt die, ähnliche, aber wichtigere zu veran-laſſen.

F. A. v. Humboldt.