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Alexander von Humboldt: „Alex. v. Humboldt, die Lebenskraft etc.“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1795-Die_Lebenskraft_oder-3-neu> [abgerufen am 15.07.2024].

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https://humboldt.unibe.ch/text/1795-Die_Lebenskraft_oder-3-neu
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Titel Alex. v. Humboldt, die Lebenskraft etc.
Jahr 1835
Ort Zeitz; Leipzig
Nachweis
in: Robert Heinrich Hiecke, Handbuch Deutscher Prosa für obere Gymnasialclassen, Zeitz: Immanuel Webel/Leipzig: Eduard Eisenach 1835, S. 354–357.
Sprache Deutsch
Typografischer Befund Fraktur (mit rund-r); Auszeichnung: Sperrung; Besonderes: griechische Buchstaben.
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: I.37
Dateiname: 1795-Die_Lebenskraft_oder-3-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 4
Zeichenanzahl: 10035

Weitere Fassungen
Die Lebenskraft oder der Rhodische Genius. Eine Erzählung (Tübingen, 1795, Deutsch)
Жизненная сила, или генiй родосский. (Сочиненiе Б. Александра Гумбольдта) [Žiznennaja sila, ili genij rodosskij. (Sočinenie B. Aleksandra Gumbolʹdta)] (Moskau, 1829, Russisch)
Alex. v. Humboldt, die Lebenskraft etc. (Zeitz; Leipzig, 1835, Deutsch)
Die Lebenskraft oder der rhodische Genius (Berlin, 1854, Deutsch)
Жизненная сила или родосскiй генiй. (Статья Ал. Гумбольдта.) [Žiznennaja sila ili rodosskij genij. (Statʹja Al. Gumbolʹdta.)] (Moskau, 1856, Russisch)
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Alex. v. Humboldt, die Lebenskraft ꝛc. (Horen. I. Bd.1795. 5. St. 90—96. Wieder abgedr. in A. v. Humb.Anſichten der Natur. 2. Ausg. Cotta. 1826.)

Die Syracuſer hatten ihre Poikile wie die Athener. Vorſtellungenvon Göttern und Heroen, griechiſche und italiſche Kunſtwerke bekleidetendie bunten Hallen des Porticus. Unabläſſig ſah man das Volk dahinſtrömen; den jungen Krieger, um ſich an den Thaten der Ahnherrn; denKünſtler, um ſich an dem Pinſel großer Meiſter zu weiden. Unter denzahlloſen Gemälden, welche der emſige Fleiß der Syracuſer aus demMutterlande geſammelt, war nur eines, das ſeit einem vollen Jahrhun-derte die Aufmerkſamkeit aller Vorübergehenden auf ſich zog. Wenn esdem olympiſchen Jupiter, dem Städtegründer Cekrops, dem Heldenmuthdes Harmedius und Ariſtogiton an Bewunderern fehlte, ſo ſtand doch umjenes Bild das Volk in dichten Rotten gedrängt. Woher dieſe Vorliebefür daſſelbe? War es ein gerettetes Werk des Apelles, oder ſtammte esaus der Malerſchule des Kallimachus her? Nein, Anmuth und Grazieſtrahlten zwar aus dem Bilde hervor, aber an Verſchmelzung der Far-ben, an Charakter und Stil des Ganzen durfte es ſich mit vielen andernim Poikile nicht meſſen. Das Volk ſtaunt an und bewundert, was es nicht kennt, und dieſeArt des Volks begreift viel unter ſich. Seit einem Jahrhundert wardas Bild aufgeſtellt und ohnerachtet Syracus in ſeinen engen Mauernmehr Kunſtgenie umfaßte, als das ganze übrige meerumfloſſene Sicilien — ſo blieb der Sinn deſſelben doch immer unenträthſelt. Man wußtenicht einmal beſtimmt, in welchem Tempel daſſelbe ehemals geſtandenhabe. Denn es ward von einem geſtrandeten Schiffe gerettet, und nurdie Waaren, welche dieſes führten, ließen ahnen, daß es von Rho-dus kam. An dem Vorgrunde des Gemäldes ſah man Jünglinge undMädchen in eine dichte Gruppe zuſammengedrängt. Sie waren ohneGewand, wohlgebildet, aber nicht von dem ſchlanken Wuchſe, den manin den Statuen des Praxiteles und Alkamenes bewundert. Der ſtärkereGliederbau, welcher Spuren mühevoller Anſtrengung trug, der menſchlicheAusdruck ihrer Sehnſucht und ihres Kummers, Alles ſchien ſie des Himm-liſchen oder Götterähnlichen zu entkleiden und an ihre irdiſche Heimathzu feſſeln. Ihr Haar war mit Laub und Feldblumen einfach geſchmückt.Verlangend ſtreckten ſie die Arme gegen einander aus, aber ihr ernſtestrübes Auge war nach einem Genius gerichtet, der von lichtem Schimmerumgeben, in ihrer Mitte ſchwebte. Ein Schmetterling ſaß auf ſeinerSchulter, und in der Rechten hielt er eine lodernde Fackel empor. Sein |355| Gliederbau war kindlich, rund, ſein Blick himmliſch lebhaft. Gebieteriſchſah er auf die Jünglinge und Mädchen zu ſeinen Füßen herab. MehrCharakteriſtiſches war an dem Gemälde nicht zu unterſcheiden. Nur amFuße glaubten einige noch die Buchſtaben ξ und ω zu bemerken, wor-aus man (denn die Antiquarier waren damals nicht minder kühn, alsjetzt) den Namen eines Künſtlers Zenodorus, alſo gleichnamig mit demſpätern Koloß-Gießer, ſehr unglücklich zuſammenſetzte. Dem rhodiſchen Genius, ſo nannte man das räthſelhafte Bild,fehlte es indeß nicht an Auslegern in Syracus. Kunſtkenner, beſondersdie jüngſten, wenn ſie von einer flüchtigen Reiſe nach Corinth oder Athen zurückkamen, hätten geglaubt, alle Anſprüche auf Genie verläugnen zumüſſen, wenn ſie nicht ſogleich mit einer neuen Erklärung hervorgetretenwären. Einige hielten den Genius für den Ausdruck geiſtiger Liebe, dieden Genuß ſinnlicher Freuden verbietet; andere glaubten, er ſolle dieHerrſchaft der Vernunft über die Begierden andeuten. Die Weiſerenſchwiegen, ahneten etwas Erhabenes, und ergötzten ſich im Poikile ander einfachen Compoſition der Gruppe. So blieb die Sache immer unentſchieden. Das Bild ward mitmannichfachen Zuſätzen copirt, in Reliefs geformt und nach Griechenland geſandt, ohne daß man auch nur über ſeinen Urſprung je einige Aufklä-rung erhielt. Als einſt mit dem frühen Aufgange der Plejaden dieSchifffahrt ins ägäiſche Meer wieder eröffnet ward, kamen Schiffe aus Rhodus im Hafen von Syracus an. Sie enthielten einen Schatz vonStatuen, Altären, Candelabern und Gemälden, welche die Kunſtliebe derDionyſe in Griechenland hatte ſammeln laſſen. Unter den Gemäldenwar eines, das man augenblicklich für ein Gegenſtück zum rhodiſchen Ge-nius erkannte. Es war von gleicher Größe, und zeigte ein ähnlichesKolorit; nur waren die Farben beſſer erhalten. Der Genius ſtand eben-falls in der Mitte, aber ohne Schmetterling, mit geſenktem Haupte, dieerloſchene Fackel zur Erde gekehrt, der Kreis der Jünglinge und Mädchenſtürzte in mannichfachen Umarmungen, gleichſam über ihm zuſammen.Ihr Blick war nicht mehr trübe und gehorchend, ſondern kündigte denZuſtand wilder Entfeſſelung, die Befriedigung lang genährter Sehn-ſucht an. Schon ſuchten die ſyracuſiſchen Alterthumsforſcher ihre vorigen Er-klärungen vom rhodiſchen Genius umzumodeln, damit ſie auch auf dieſesKunſtwerk paßten, als der Tyrann Befehl gab, es in das Haus des Epicharmus zu tragen. Dieſer Philoſoph aus der Schule des Pythago-ras, wohnte in dem entlegenen Theile von Syracus, den man Tycha nannte. Er beſuchte ſelten den Hof der Dionyſe, nicht, als hätten nichtgeiſtreiche Männer aus allen griechiſchen Pflanzſtädten ſich um ſie ver-ſammlet, ſondern weil ſolche Fürſtennähe auch den geiſtreichſten Männernvon ihrem Geiſte raubt. Er beſchäftigte ſich unabläſſig mit der Naturder Dinge und ihren Kräften, mit der Entſtehung von Pflanzen undThieren, mit den harmoniſchen Geſetzen, nach denen Weltkörper im Gro- |356| ßen und Schneeflocken und Hagelkörner im Kleinen ſich kugelförmig bal-len. Da er überaus bejahrt war, ſo ließ er ſich täglich in dem Poikileund von da nach Naſos an den Hafen führen, wo ihm ſein Auge, wieer ſagte, ein Bild des Unbegrenzten, Unendlichen gab, nach dem ſeinGeiſt vergebens ſtrebte. Er ward von dem niedern Volke und doch auchvon dem Tyrannen geehrt. Dieſem wich er aus, wie er jenem freudigentgegen kam. Epicharmus lag entkräftet auf ſeinem Ruhebette, als der Befehl des Dionyſius ihm das neue Kunſtwerk ſandte. Man hatte Sorge getragenihm eine treue Kopie des rhodiſchen Genius mit zu überbringen, undder Philoſoph ließ beide neben einander vor ſich ſtellen. Sein Blick warlange auf ihn geheftet, dann rief er ſeine Schüler zuſammen und hubmit gerührter Stimme an: „Reißt den Vorhang vor dem Fenſter hinweg, daß ich mich nocheinmal weide an dem Anblick der reichbelebten lebendigen Erde. SechzigJahre lang habe ich über die innern Triebräder der Natur, über denUnterſchied der Stoffe geſonnen und erſt heute läßt der rhodiſche Geniusmich klarer ſehen, was ich ſonſt nur ahnete. Wenn der Unterſchied derGeſchlechter lebendige Weſen wohlthätig und fruchtbar aneinander kettet,ſo wird in der unorganiſchen Natur der rohe Stoff von gleichen Triebenbewegt. Schon im dunkeln Chaos häufte ſich die Materie und mied ſich,je nachdem Freundſchaft oder Feindſchaft ſie anzog oder abſtieß. Dashimmliſche Feuer folgt den Metallen, der Magnet dem Eiſen; das ge-riebene Electrum bewegt leichte Stoffe; Erde miſcht ſich zur Erde; dasKochſalz gerinnt aus dem Meere zuſammen und die Säure der Stüp-tärie ſtrebt ſich mit dem Thone zu verbinden. Alles eilt in der unbe-lebten Natur, ſich zu dem Seinen zu geſellen. Kein irdiſcher Stoff (werwagt es, das Licht dieſen beizuzählen?) iſt daher irgendwo in Einfach-heit und reinem, jungfräulichem Zuſtande zu finden. Alles eilt von ſei-nem Entſtehen an zu neuen Verbindungen und nur die ſcheidende Kunſtdes Menſchen kann ungepaart darſtellen, was Ihr vergebens im Innernder Erde und in dem beweglichen Waſſer- und Luft-Oceane ſuchtet. Inder todten unorganiſchen Materie iſt träge Ruhe, ſo lange die Bande derVerwandtſchaften nicht gelöſt werden, ſo lange ein dritter Stoff nicht ein-dringt, um ſich den vorigen beizugeſellen. Aber auch auf dieſe Störungfolgt wieder unfruchtbare Ruhe.“ „Anders iſt die Miſchung derſelben Stoffe im Thier- und Pflan-zenkörper. Hier tritt die Lebenskraft gebieteriſch in ihre Rechte ein; ſiekümmert ſich nicht um die demokritiſche Freundſchaft und Feindſchaft derAtome; ſie vereinigt Stoffe, die in der unbelebten Natur ſich ewig flie-hen, und trennt, was in dieſer ſich unaufhaltſam ſucht.“ „Tretet näher um mich her, meine Schüler, und erkennet im rho-diſchen Genius, in dem Ausdruck ſeiner jugendlichen Stärke, im Schmet-terling auf ſeiner Schulter, im Herrſcherblick ſeines Auges, das Symbolder Lebenskraft, wie ſie jeden Keim der organiſchen Schöpfung beſeelt. |357| Die irdiſchen Elemente, zu ſeinen Füßen, ſtreben gleichſam, ihrer eigenenBegierde zu folgen und ſich mit einander zu miſchen. Befehlend drohtihnen der Genius mit aufgehabener, hochlodernder Fackel, und zwingt ſie,ihrer alten Rechte uneingedenk, ſeinem Geſetze zu folgen.“ „Betrachtet nun das neue Kunſtwerk, welches der Tyrann mir zurAuslegung geſandt; richtet Eure Augen vom Bilde des Lebens ab, aufdas Bild des Todes. Aufwärts weggeflohen iſt der Schmetterling, aus-gelodert die umgekehrte Fackel, geſenkt das Haupt des Jünglings. DerGeiſt iſt in andre Sphären entwichen, die Lebenskraft erſtorben. Nunreichen ſich Jünglinge und Mädchen fröhlich die Hände. Nun treten dieirdiſchen Stoffe in ihre Rechte ein. Der Feſſeln entbunden folgen ſiewild, nach langer Entbehrung, ihrem geſelligen Triebe, und der Tag desTodes wird ihnen ein bräutlicher Tag. — So ging die todte Materievon Lebenskraft beſeelt durch eine zahlloſe Reihe von Geſchlechtern, undderſelbe Stoff umhüllte vielleicht den göttlichen Geiſt des Pythagoras, indem vormals ein dürftiger Wurm im augenblicklichen Genuſſe ſich ſeinesDaſeins freute.“ „Geh Polykles und ſage dem Tyrannen, was du gehört haſt. UndIhr, meine Lieben, Phradman und Skopas und Timokles, tretet näherund näher zu mir. Ich fühle, daß die ſchwache Lebenskraft auch in mirden irdiſchen Stoff nicht lange mehr zähmen wird. Auch er fordert ſeineFreiheit wieder. Führt mich noch einmal in den Poikile und von da ansoffene Geſtade. Bald werdet Ihr meine Aſche ſammlen.“