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Alexander von Humboldt: „Von Hr. von Humboldt“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1792-Von_Hr_von-1> [abgerufen am 25.09.2022].

URL und Versionierung
Permalink:
https://humboldt.unibe.ch/text/1792-Von_Hr_von-1
Die Versionsgeschichte zu diesem Text finden Sie auf github.
Titel Von Hr. von Humboldt
Jahr 1792
Ort Zürich
Nachweis
in: Annalen der Botanick 1:3 (1792), S. 236–239.
Postumer Nachdruck
Lange, Fritz G[ustav]: Alexander von Humbolt und Paulus Usteri. Unbekannte Jugendbriefe Humboldts, in: Beiträge zur Geschichte der Naturwissenschaften, Technik und Medizin, herausgegeben zum 60. Geburtstag Gerhard Harigs (= Schriftenreihe für Geschichte der Naturwissenschaften, Technik und Medizin. Beiheft), Leipzig 1964, S. 224-–224.

Die Jugendbriefe Alexander von Humboldts 1787–1799, herausgegeben von Ilse Jahn und Fritz G. Lange, Berlin: Akademie 1973, S. 164–167. [nach Handschriftenmanuskript]
Sprache Deutsch
Schriftart Antiqua
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: I.31
Dateiname: 1792-Von_Hr_von-1
Statistiken
Seitenanzahl: 4
Zeichenanzahl: 4058
Bilddigitalisate

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Von Hr. von Humboldt. d. d. 10. Jan. 1792. Freiberg.

— — Wird es Sie nicht wundern, wenn ich Ihnenſage, daß die Lehre von dem Einfluß des Sonnenlichtesauf die grüne Farbe der Vegetabilien ſchon den Altenbekannt war? Die ſchönen und ſinnreichen Verſucheder Herrn Bonnet, Ingenhouß und Senebier über die |237| Bleichſucht der Pflanzen bleiben darum nicht weniger neu. Hatte doch die pythagoreiſche Schule längſt ge-ahndet, was Copernicus nochmals in ein helleres Lichtſezte. Wo iſt eine Entdeckung, deren Keim nicht ſchonfrüher gelegt war? — In dem kleinen, aber nicht un-intereſſanten Buche des Ariſtoteles περι χρωματων (Ope-ra omnia Ed. Du Val. I. p. 1209) handelt der Schlußvon den Farben der Blüthen, Früchte und Blätter derPflanzen, ihren Urſachen u. ſ. w. «Es giebt, nach der»Lehre des Griechen, drei Grundfarben, weiß, ſchwarz»und gelb. Sie rühren alle von den Elementen her.»Luft, Waſſer und Erde ſind weiß, das Feuer (Phlo-»giston, auch Sonnenſtrahl) iſt gelb. Schwarz iſt Man-»gel an Licht. Wo Waſſer und Sonnenſtrahl zuſammen»wirken, da entſteht eine grüne Farbe (ein ſonderbares»Gemiſch von weiß und gelb) wo Erde und Waſſer»allein wirken, da entſteht weiſſe Farbe — daher er-»ſcheinen alle Pflanzentheile unter der Erde, Wurzeln,»Zwiebeln, Stengel &c. weiß, alle Theile über der»Erde: die der belebende Sonnenſtrahl trift, grün. Weiſſe»Farbe iſt ohne dieß ein Zeichen der Schwäche, wie»die Thiere beweiſen.» — Mir war dieſe Stelle neu,und unerwartet, ob ſie ſonſt ſchon irgendwo öffent-lich bemerkt iſt, kann ich in meiner jezigen Lage nichtentſcheiden. Ueber die Farbe unterirrdiſcher Vegetabilien habeich jezt mehrere Verſuche angeſtellt, und glaube mei-ne Vermuthungen zu einem höhern Grade der Gewiß-heit erheben zu können. Auffallend war es mir oft-mals die Raſenſtüke (mit Poa annua. P. compreſſa. Tri-folium aruenſe. Plantago lanceolata &c.) mit welchenauf Strecken bisweilen Sumpf geſtoſſen wird, auch, |238| wenn ſie Monate lang dem Sonnenlichte entzogen wa-ren, grün, aber an den Spizen der neu geſproſſenenBlätter dunkel, nach unten zu lichter graßgrün, ja oft,wie über Tage, mit Riſpen blühen zu ſehen. Dieſe demgemeinen Bergmann ſehr bekannte Erſcheinung, mach-te mich noch aufmerkſamer, als ich auf Kurprinz Fried-rich Auguſt zu Großſchirma denſelben, rieſenmäſſigenLich. verticillatus, von welchem das Exemplar durchden Herrn Bergrath von Charpentier an den Kurfür-ſten (einen tiefen Kenner und Beſchüzer der Pflanzen-kunde) geſchikt iſt, mit lichte graßgrünen Keimenfand. Etwas ähnliches bemerkte ich vor kurzem aneinem anderen, ſehr eleganten, wie ich glaube, nochunbeſchriebenen Lich. filament. auf dem Weiß Taube-ner Stoln zu Marienberg im Obergebirge — und dochhatte beide nie ein Sonnenſtrahl getroffen. Um dieſeſonderbaren Phænomene noch mehr aufzuklären, ſtell-te ich eigene Verſuche, mit blühenden und nicht blü-henden Pflanzen an, die ich in die Grube ſezte. Sie blü-heten ungeſtört fort, und die Blätter die ſich entwickel-ten, waren grün, doch an den Spizen am dunkelſten.Bey den im Stollen aufkeimenden Erbſen war auchdieſer Unterſcheid der Blätterfarbe nicht einmal bemerk-bar. Wiederſprechen dieſe Verſuche nun denen derHerren Ingenhouß und Senebier über die Bleichſucht derdem Sonnenlicht entzogenen Vegetabilien? Ich glaubeNein. Nach meinen Ideen iſt Anhäufung des Oxygenes(des Grundſtoffs der dephlog. Luft) Urſach der Bleich-ſucht. Das Oxygene oder das Gas ſelbſt wird entbun-den, entweder durch Sonnenlicht (wie die Färbungder deplogiſtiſirten Salzſäure, Acide muriatique ſuroxy-gené beweist) oder durch Verwandſchaft zu einer an- |239| dern Subſtanz z. B. dem hydrogéne, dem Grundſtoffder brennbaren Luft. In den Gruben iſt dieß hydrogénein gröſſerer Menge als in der oberen atmoſphäriſchenLuft. Ich vermuthe daher daß dieß, die (ſonſt beyMangel des Sonnenlichtes nothwendig erfolgende) An-häufung der Oxygéne ſtört. Ich denke dieſe und ande-re Gründe in einer eigenen Abhandlung in Herren Grens Journal der Phyſik näher zu entwickeln.