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https://humboldt.unibe.ch/text/1792-Ueber_eine_zweifache-1
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Titel Ueber eine zweifache Prolification der Cardamine pratensis
Jahr 1792
Ort Zürich
Nachweis
in: Annalen der Botanick 1:3 (1792), S. 5–7.
Sprache Deutsch
Schriftart Antiqua
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: I.26
Dateiname: 1792-Ueber_eine_zweifache-1
Statistiken
Seitenanzahl: 3
Zeichenanzahl: 3201
Bilddigitalisate

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Ueber eine zweifache Prolification der Cardaminepratenſis von F. A. v. Humboldt.

Unter den mannigfaltigen Erſcheinungen, welche derBau der Blüthentheile uns darbietet, iſt die Prolification gewiſs eine der auffallendſten und wunderſamſten. Beyden Syngeneſiſten, in denen die Natur die Fortpflan-zungswerkzeuge ſo nahe an einander häuft, und einegröſſere Fülle des Saamenſtoffs bereitet, beobachtenwir dieſelbe am häufigſten. Die Gattungen Bellis, Ca-lendula, Hieracium, geben Beyſpiele davon, beſonderswenn ſie durch Kultur verändert werden und dadurchdem ſtrengen Geſeze *) das ſie an eine ewig gleicheForm bindet, weniger gehorchen. Unter den einfa-chen Blumen ſind die durchwachſenen ſeltener; dochhat ſie Tournefort ſchon bey dem Ranunculus, derAnemone und wenigen anderen bemerkt. Von unſe-
*) Einige organiſche Weſen ſind mehr, andere weniger feſtan dieſes Geſez geknüpft. Wie unter den Pflanzen die Ar-ten der Roſa, Papauer, Heſperis, Cheiranthus, Malua &c.häufig monſtrös ſind, ſo ſind es unter den Thieren die Rin-der, Hausſchweine, Haſen, Kaninchen und Hüner. Von dennatürl. Ordnungen der Papilionaceæ, Stellatæ und Verticillatæhingegen (von denen Linné in der Philos. bot. p. 81. etwaskühn ſagt: flores luxuriantes exhibere nequeunt) kommenMißgeburthen eben ſo ſelten vor als unter Pferden, wildenSchweinen und Fischen.
|6| ren deutſchen Siliquoſis iſt, ſo viel ich weiß, noch keinBeyſpiel einer Prolification gefunden. Daher ſtehe ich nichtan, eine Beobachtung bekannt zu machen, die ich ſelbſtanzuſtellen Gelegenheit hatte, und deren Mittheilungdem forſchenden Phyſiologen vielleicht nicht ganz unwill-kommen ſeyn wird.
Im Frühlinge dieſes Jahrs ſah ich in dem Walde zwi-ſchen Berlin und Tegel, auf einer botaniſchen Excur-ſion eine Cardamine pratenſis, welche durch die Gröſſeihrer Blüthentheile und die Dicke ihrer Stengel meineAufmerkſamkeit reizte. Als ich ſie genauer betrachtete,fand ich daß dieſe Blüthen (deren ich 4 bereits völligentwikelte zählte) gefüllt und dabey noch zweyfachdurchwachſen — Flores pleni ſimulque duplicato-proli-feri — waren. Jede Corolla beſtand aus drey kleinenCorollen. In der unteren war das Piſtill in einen voll-kommenen Pedunculus verwandelt, welcher die zwei-te, mit einem eigenen Kelch verſehene Blumenkronetrug. Dieſe zweyte hatte faſt eben ſo lange petala alsdie erſte, ſtatt des piſtills aber, in ihrer Mitte, eben-falls einen Blüthenſtengel mit der dritten Corolla. Alledieſe Blüthen waren mit Staubfäden verſehen, von de-nen aber die längeren in petala verwachſen waren. Bei einigen war das Filamentum nur weiter gedehnt(dilatatum) und bildete den vnguis petali, bei ande-ren ſah man aus dem vollkommenen Blumenblatte nochden Staubbeutel (anthera) herabhängen, bei noch an-deren hatte ſich die halbe anthera zu einem petalumumgebildet. Welche Fülle plaſtiſcher Kräfte mußten in dieſemGewächſe zuſammenwirken, um in den weſentlich- ſten Theilen desſelben ſolche Veränderungen hervorzu- |7| bringen! Und dennoch erſchien dieſer üppige Pflan-zenwuchs in einer Gegend, wo ich keine Cardaminevermuthet hätte, in einer dürren Sandebene zwiſchenCarex arenaria, Cladonia gracilis und Aira caneſcens.