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Alexander von Humboldt: „Aus einem Briefe vom Herrn von Humboldt dem jüngern in Berlin“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1792-Aus_einem_Briefe_vom-1> [abgerufen am 25.09.2022].

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Permalink:
https://humboldt.unibe.ch/text/1792-Aus_einem_Briefe_vom-1
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Titel Aus einem Briefe vom Herrn von Humboldt dem jüngern in Berlin
Jahr 1792
Ort Freiberg; Annaberg
Nachweis
in: Bergmännisches Journal 5:1:6 (Juni 1792), S. 547–552.
Postumer Nachdruck
Die Jugendbriefe Alexander von Humboldts 1787-1799, herausgegeben von Ilse Jahn und Fritz G. Lange, Berlin: Akademie 1973, S. 197-199.
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: I.19
Dateiname: 1792-Aus_einem_Briefe_vom-1
Statistiken
Seitenanzahl: 6
Zeichenanzahl: 6511
Bilddigitalisate

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Aus einem Briefe vom Herrn von Humboldt dem juͤngern in Berlin.

Zu Paris iſt vor kurzem eine neue geognoſtiſcheSchrift uͤber Italien erſchienen, unter dem Titel: Voyage mineralogique philoſophique ethiſtorique en Toscane par le D. Jean Tar-gioni Tozetti, en 2 Tomes. Chez Lavil-lette Libraire du Battoir n° 8. 1792. DerVerfaſſer iſt derſelbe, welcher bereits durch dieAbhandlung uͤber die erloſchenen Vulkane von Toskana und den Veſuv (Dei monti ignivomidella Toscana e del Vesuvio) und andereArbeiten bekannt iſt. In wiefern dieſe Reiſevon der, von Jagemann uͤberſetzten abweicht,habe ich noch nicht vergleichen koͤnnen. AlleBeobachtungen ſind vom Jahre 1742, fluͤchtig an-geſtellt, und unbeſtimmt beſchrieben. Die Foſſi-lien ſind nach dem Nicolaus Steno, Aldro-vandi , und hauptſaͤchlich nach den nie gedruck-ten Werken des Agoſtino Riccio benannt!Kalkſpath heißt der Verf. Tarse, auch wohl bezoar mineral, dichter Kalkſtein albarese! Von der Gebirgsart, in welcher ſich die merk-wuͤrdigen Hoͤhlen bey St. Iean à la Veine be-finden, erſieht man nichts, als daß ſie aus einer |548| terre plus ou moins petrifiée avec unematiere composée de tartre beſtehe. Lagernennt Hr. Tozetti immer filons, und das boͤh-miſche Karlsbad, wird gar in die bains Caro-lino en Bohême traveſtirt. Nicht unintereſ-ſant ſind indeß die Bemerkungen uͤber die foſſilenElephantenknochen in den Tuffhuͤgeln bey Valdinierole , uͤber die Steinkohlenfloͤze von Gar-fagnana , die Eiſengruben von Stazemma , wo Eiſenglanz und Eiſenglimmer brechen, undvorzuͤglich uͤber das queckſilberreiche Gebirge von Levigliani . Das Gediegen-Queckſilber findetſich an letzterem Orte auf Gaͤngen, die mit Quarzausgefuͤllt ſind, und das Gebirge (une pierremorte!) ohne beſtimmtes Fallen und Streichenzu halten, durchſchwaͤrmen. Zinnober und Schwe-felkies brechen zuweilen mit ein. Tozetti fuͤgteine eigene Unterſuchung uͤber den Urſprung dieſesZinnobers bey. Er glaubt, daß Schwefelkies undZinnober ſich aus einer Aufloͤſung niederſchlugen,daß ein Theil des Schwefels ſich mit dem Eiſen,ein anderer mit dem Queckſilber verband u. ſ. f.Er eifert ſehr heftig gegen die Meynung, daßbey dieſer Gangausfuͤllung unterirdiſches Feuergewirkt haben ſollte. Ces feux et ces chaleurs souterraines, qui font faire tant de bevuesaux chimiſtes et aux philoſophes sont |549| autant de chimeres qu’enfentent leurscerveaux, et leur jargon ne sert qu’à tromper le peuple sous pretexte, de luiexpliquer les Phenomenes de la Nature.La nature se rit de nos systemes et opereavec plus de simplicité que nous nel’imaginons. Ich fordere jeden auf, ſchließter, mir auch nur die Spuren jener unterirdiſchenFeuer zu zeigen. — Die Bergwerksgeſchichtevon Levigliani iſt zu abendtheuerlich, als daßich Ihnen nicht etwas davon mittheilen ſollte.Herzog Cosmo III. von Florenz hatte den Ein-fall, einige geiſtliche Schriften mit typographi-ſcher Pracht, beſonders mit rothen Lettern dru-cken zu laſſen. Es fehlte an Farbe, und umdieſelbe aus dem Zinnober zu erhalten, beſchloßman, den uralten verlaſſenen Bergbau von Le-vigliani wieder aufzunehmen. Der Herzogſchickte den Bildhauer Joſeph Torricelli hin,um die noͤthigen Vorkehrungen zur Wiederge-waͤltigung zu treffen. Torricelli lieferte in we-nigen Tagen 120 Pfund ſchoͤnen Zinnober, undmachte Hofnungen zu groͤßerer Ausbeuthe. DerHerzog, ohne ſich an die Vorſtellungen ſeinerMiniſter zu kehren, ſchenkte die Gruben ſeinerherzoglichen Buchdruckerey. Die Vorſteher der-ſelben G. Gaëtan Tarlini erhielt ſogar 1718 |550| ein ausſchließendes Privilegium auf alle Queck-ſilberbergwerke, die noch kuͤnftig entdeckt werdenwuͤrden. Der Erfolg lehrte aber bald, daß we-der die Bildhauer noch die Hofbuchdrucker desHerzogs ſich darauf verſtanden, einen Gruben-bau vorzurichten. Die Werke von Levigliani wurden in kurzem wieder verlaſſen. — Dievortrefliche Schrift des Herrn Bertholet, Ele-mens de l’art de la teinture Tome I. 1791,enthaͤlt eine Vermuthung uͤber den Demant,welche, und waͤre es auch nur ihrer Kuͤhnheitwegen, Erwaͤhnung verdient. A considerer, ſagt er, les experiences qui ont été faitessur le Diamant, on serait tenté de leregarder comme un carbon pur et cry-stallisé, das iſt als den feſten, kriſtalliſirtenGrundſtoff der fixen Luft oder Kohlenſaͤure. Uner-wieſen iſt dieſe Hypotheſe allerdings, aber unge-reimt iſt ſie nicht. Denn Luft iſt blos der Zuſtandder Elaſtizitaͤt und Aufloͤſung in Waͤrmeſtoff, indem ſich irgend eine feſte Subſtanz befindet.Wird einer Luftart eine große Quantitaͤt Waͤr-meſtoff entzogen, ſo folgen die Atome ihrer gegen-ſeitigen Anziehungskraft, und bilden nun, genaͤ-hert, die ſogenannten feſten oder dichten Koͤrper.Die Erſcheinungen bey der oxygenirten Salz-ſauren Luft, welche im Schnee in wirkliche ſaͤu- |551| lenfoͤrmige Kriſtalle anſchießt, belehren uns ſehrdeutlich daruͤber. Die Einwitterungen, welchein der Geognoſie der Alten, beſonders in ihrenGangtheorien, eine ſo wichtige Rolle ſpielten,gruͤndeten ſich gewiß auf eine aͤhnliche aber dunkleVorſtellungsart. — Herr Bergaſſeſſor Wach-tel nimmt in ſeiner mineralogiſchen Abhandlungvom Torfe gegen Linnees und anderer Meynung,die Hypotheſe an, daß der Torf groͤßtentheils zu-ſammengehaͤuften Meerespflanzen ſeinen Ur-ſprung verdanke. Bey meinem letzten Aufent-halte auf dem großen Haakenberg-Linumſchen Torfmore hatte ich Gelegenheit, eine Beobach-tung anzuſtellen, welche jene Hypotheſe in einhelleres Licht ſetzt. Ich fand in dem dortigenTorfe 8 — 10 Zoll lange und 1 — 1\( \frac{1}{2} \) Zoll breiteBlaͤtter eines Seegraſes, Fucus sacharinus, friſch und unverſehrt, wie ich ihn im offenenMeere zwiſchen Neuwerk und Helgoland ſahe.Sollten die ſich ſo weit erſtreckenden, 1 bis \( \frac{5}{4} \) Lach-ter hohen Torfſchichten in den aufgeſchwemm-ten baltiſchen Laͤndern alle pelagiſchen Urſprungsſeyn? Sind jene Depots von Meerespflanzen,welche den Kohlenſtoff erſetzen, den die jetzigeVegetation uns verſagt, aus der alten allgemeinenWaſſerbedeckung oder aus einer ſpaͤtern Perio-de? Dies iſt der Punkt, wo die Geſchichte der |552| Pflanzen, im ſtrengen Sinne des Worts, ſichan die Geſchichte des feſten Erdkoͤrpers anſchließt.Daß ich nicht annehme, aller Torf ſey aus zu-ſammengehaͤuften Fucis entſtanden, daß esfruͤhere und ſpaͤtere Formazionen, wie bey denSteinkohlen giebt, daß einiger Torf auf ſeinerjetzigen Lagerſtaͤdte wirklich erzeugt iſt, erinnereich nicht.